Förderung einer differenzierten Reflexion über das Altern


Ein angemessenes Verständnis der Alterung hat drei Voraussetzungen: Die Unterscheidung zwischen (a) der demografischen Alterung und (b) der individuellen Alterung sowie (c) die Einsicht in die Variabilität und die Gestaltbarkeit der beiden Alterungsprozesse.

(a) Die gegenwärtig in allen fortgeschrittenen Ländern beobachtbare demografische Alterung ist Folge einer steigenden Lebenserwartung und einer sinkenden Geburtenrate. Allein diese Konstellation führt zu einer Alterung der Gesamtbevölkerung. Zu beachten ist, dass Langlebigkeit Wohlstand und Wohlbefinden spiegelt.

(b) Mit Blick auf die individuelle Alterung ist zwischen dem kalendarischen Alter, der biologischen Alterung und dem sozialen Altern zu unterscheiden. Das kalendarische Alter ist ein zugeschriebenes Merkmal wie das Geschlecht und damit per se ein diskriminierendes Kriterium. Die biologische Alterung erfasst die biologisch-medizinischen Veränderungen im Lebensverlauf. Das soziale Alter beinhaltet soziale und kulturelle Vorstellungen über Fähigkeiten, Kompetenzen, Tätigkeiten und Verhaltensweisen, die den verschiedenen Altersgruppen zugeschrieben werden. Ob jemand für ‚zu alt’ oder ‚zu jung’ gilt, hängt wesentlich von der Arbeitsorganisation, dem Altersvorsorgesystem, der sozialen Stellung sowie dem sozialen Wandel ab: Massgeblich befördert wird die soziale Alterung durch die Entwertung von Qualifikationen und Kompetenzen im Zuge des technologischen Wandels, fehlende Berufsperspektiven und mangelnde Anerkennung. Im Lebensverlauf nimmt der Zusammenhang zwischen dem kalendarischen und dem biologischen Alter ab und der Einfluss des sozialen Alters auf das biologische Alter zu.

(c) Die demografischen sowie die individuellen Alterungsprozesse sind in keiner Weise "naturgegeben", sondern werden massgeblich durch die Menschen selbst gestaltet: Das heute selbstgesteuerte reproduktive Verhalten der Menschen, welches in einem hohen Masse von der Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf beeinflusst wird, bestimmt die demografische Alterung. Ob Menschen im Arbeitsprozess verbleiben oder nicht und ob sie aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, hängt von den sozialen Bedingungen ab: Fakt ist, dass Menschen bis ins hohe Alter lernfähig sind und sich neue Fertigkeiten und Kompetenzen aneignen können. Ebenso ist erwiesen, dass Lernen und aktive Teilnahme "jung" hält, was auch die gegenwärtig beobachtbare sozio-kulturelle Verjüngung der "Alten" demonstriert. Fakt ist ebenfalls, dass Menschen darüber bestimmen, ob und wer in welchem Umfang aktiv in Beruf, Familie und Gesellschaft teilhat.

Sicher ist, dass mit dem Bezug auf das kalendarische Alter ein erster Schritt zur Altersdiskriminierung gemacht wird. Das Wissen um die Variabilität und die Gestaltbarkeit der Alterung hingegen kann dafür sorgen, dass die sich im Verlauf des Lebensprozesses unterschiedlich ausformenden Potenziale und Kapazitäten über alle Lebensphasen genutzt werden. Darauf ist eine Gesellschaft mit schwach besetzten nachfolgenden Altersgruppen besonders angewiesen.
 
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