Entwicklung von langfristigen Betreuungs- und Pflegesystemen


Langzeitpflege umfasst eine Vielzahl von Dienstleistungen, welche die gesundheitlichen und nicht-gesundheitlichen, alltäglichen Bedürfnisse von Menschen mit chronischen Krankheiten oder Behinderungen abdecken. Langzeitpflege kann daher in jedem Alter erforderlich sein. Da in einer alternden Bevölkerung der Anteil an chronisch kranken und von Multimorbidität betroffenen Menschen zunimmt, wird der Bedarf an Langzeitpflege in den nächsten Jahren rapide und steil ansteigen. Vieles deutet darauf hin, dass die heutige Organisation und Gestaltung der Langzeitpflege nicht zukunftsfähig ist. Gemäss den Projektionen der Eidgenössischen Finanzverwaltung werden sich die öffentlichen Ausgaben im Bereich der Langzeitpflege zwischen 2011 und 2045 verdreifachen. Zugleich steigt der Pflegepersonalbedarf in den nächsten Jahren erheblich steigen. Gemäss einer Schätzung des Bundesrates müssen bis 2020 etwa 17'000 Vollzeitstellen geschaffen werden. Welche Effekte der sich verstärkende und anhaltende Trend weg von einer stationären zu einer ambulanten Betreuung auf den Finanz- und Personalbedarf auswirkt, ist abzuklären. Ebenso darf davon ausgegangen werden, dass die Pflegearbeit durch Robotik und weitere digitale Techniken wesentlich umgestaltet wird.

Belegt ist, dass in der Schweiz gegenwärtig eine Diskrepanz zwischen dem weit verbreiteten Wunsch, im hohen Alter zu Hause zu bleiben, und dem im Vergleich zu den umliegenden Länder hohen Anteil an Altersheimeinweisungen besteht. Damit geht für die betroffene Person wie auch für deren Umfeld ein moralischer Konflikt zwischen Verpflichtungsgefühl und Leistungsgrenzen einher. Im Zusammenspiel von stationären und ambulanten Pflegeangeboten sind finanzielle sowie individuelle Faktoren zu berücksichtigen: Die bisherige pauschale Forderung ‚ambulant vor stationär’ greift deshalb zu kurz. So besteht ein hoher Bedarf, neue, auf die individuelle Situation abgestimmte, finanzierbare Lösungen zu entwickeln, welche auch die bedeutsame, informelle Care-Arbeit einbeziehen. Letzteres schliesst die gesellschaftlich und wirtschaftlich Ermöglichung und Aufwertung der informellen Pflegearbeit ein. Dabei spielen Arbeits- und Lebensmodelle, welche die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Care-Arbeit fördern, eine zentrale Rolle.


Quellen / weiterführende Literatur:


Schweizerisches Gesundheitsobservatorium OBSAN (Hrsg.) (2015), Gesundheit in der Schweiz – Fokus chronische Erkrankungen. Nationaler Gesundheitsbericht 2015.

Bundesrat (2016), Bestandesaufnahme und Perspektiven im Bereich der Langzeitpflege. Bericht des Bundesrates in Erfüllung der Postulate 12.3604 Fehr Jacqueline vom 15. Juni 2012; 14.3912 Eder vom 25. September 2014 und 14.4165 Lehmann vom 11. Dezember 2014.

Markus Zürcher, „Generationenpolitik oder vom Ende des halbierten und dreigeteilten Lebens“, in: Monika Budowski, Ulrike Knobloch & Michael Nollert (Hrsg.) (2016), Unbezahlt und dennoch Arbeit, 153-158.

Avenir Suisse (2016), Neue Massstäbe für die Alterspflege



 
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